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Sa, 18:00 Uhr
01.08.2026
Meine Meinung zur

900. ehrenamtliche Artenschutzmaßnahme

Mitte der Woche gab es die 900. ehrenamtliche Artenschutzmaßnahme seit 2003, diesmal ausnahmsweise nicht im Gebiet von Nordhausen. Viele Vorkommen bedrohter Pflanzenarten im Gebiet wären ohne Ehrenamt nicht mehr vorhanden, so Botaniker und nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg...

Bild:
Die imposante, in Deutschland vom Aussterben bedrohte Borstige Glockenblume (Campanula cervicaria) gehört zu jenen Arten, für deren Erhaltung an ihren letzten Harzer Wuchsorten wir uns aktiv und mit Erfolg einsetzen. (Foto: Bodo Schwarzberg)

Die 900. Artenschutzmaßnahme passt leider zum aktuellen, viel zu trockenen Wetter: Im Landkreis Harz gossen wir 40 Liter Wasser auf das vielleicht letzte Vorkommen des Keulen-Bärlapps (Lycopodium clavatum) zwischen Stiege und Nordhausen. Und das bereits zum dritten Mal in den letzten Wochen. Seit der verheerenden Dürre ab 2018 ist das in den immer länger werdenden Trockenzeiten die einzige Chance, diese seit vielen Millionen Jahren auf der Erde lebende Art an dieser Stelle vor dem Vertrocknen zu bewahren.

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Das Gießen bestimmt unsere ehrenamtlichen Maßnahmen immer häufiger. Es geht gerade bei einigen feuchteliebenden und nordisch verbreiteten, kühleliebenden Pflanzen immer öfter nur noch um die Rettung, Förderung kommt vielleicht später wieder.

2003 begann ich allein mittels Gartenharke, im Landkreis Nordhausen einen Halbtrockenrasen von altem Rasenfilz zu befreien. Ich wollte das Vorkommen der Orchideenart Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) retten, was auch gelang. Aus drei blühenden Exemplaren damals wurden mehr als 60 im Jahre 2026. Ab 2010 waren wir mitunter als Gruppe unterwegs. Bis 2012 verfügten wir kaum über Technik, wie Mäher und Freischneider. Dann kam ein Freischneider hinzu und wir konnten erstmals artenreiche Wiesen mähen.

Und das war höchste Zeit: Immer mehr historisch durch extensive Schafbeweidung oder einschürige Mahd entstandene Trocken- und Halbtrockenrasen mit Vorkommen bedrohter Arten in den meisten Naturschutzgebieten des Landkreises verbrachten oder verbuschten. Nach dem DDR-Anschluss beschleunigte sich dieser Prozess.

Für einige Flächen erhielten wir über das Land Thüringen so genannte NALAP-Verträge, über die wir wenigstens die dringendsten Unkosten unserer zahlreichen Einsätze und Maßnahmen bestreiten konnten. Andererseits zeigt sich in den geringen Sätzen nicht unbedingt eine allzu große Wertschätzung des ehrenamtlichen Artenschutzes.

Für unsere Maßnahmen auf anderen Flächen, erhalten wir überhaupt kein Geld, weil bereits ein anderer Fördermittel für eine Bewirtschaftung bekommt, selbige aber nicht ausreicht, um zum Teil hochgradig bedrohte Arten zu erhalten. Doppelförderung ist verboten.

Problematisch für den Artenschutz ist auch die Tatsache, dass die Landschaftspflege für einige Akteure vom Landwirtschaftsamt und für ehrenamtliche Akteure von der oberen Naturschutzbehörde verwaltet wird. Dadurch entstehen Konflikte.

Für die bisher 900 von uns Ehrenamtlern durchgeführten Maßnahmen waren wir im Laufe der letzten 23 Jahre viele hundert Stunden im Einsatz. Weit mehr als hundert Vorkommen bedrohter Pflanzenarten und natürlich die oft kleinflächigen, teils wohl Jahrhunderte alten Wiesen, in denen sie siedeln, konnten wir so erhalten. Und, da von jeder Pflanzenart auch mehrere Insektenarten abhängen sollen, trugen unsere Einsätze auch zum Schutz zahlreicher Insekten bei.

Mittlerweile erhalten wir auch große Trockenrasenkomplexe, wie z.B. im Naturschutzgebiet Alter Stolberg und bei Bleicherode.

Die 900 Maßnahmen bestanden, neben der erwähnten Mahd und dem Gießen, auch z.T. aus aufwändigem Entbuschen. Mitunter legten wir aber auch nur eine kleine Bodenverwundung um eine seltene Pflanze herum an, damit deren Samen ein geeignetes Keimbett fanden. Aus einem einzigen Exemplar des in Deutschland stark gefährdeten Abbiss-Pippaus (Crepis praemorsa) hat sich so in mehreren Jahren beispielsweise ein kleiner Bestand von mehreren Dutzend Pflanzen entwickelt.

Mit Kleinstmaßnahmen lässt sich oft viel für den Artenschutz erreichen. Eine kontinuierliche Förderung solcher so effektiven Kleinstmaßnahmen gibt es bis heute nicht.

Mittlerweile sind wir auch in anderen Landkreisen tätig, so im Kyffhäuserkreis, im Landkreis Harz und im Saalekreis nördlich von Halle. Mit der Klebrigen Miere, der Borstigen Glockenblume und dem Bitteren Kranz-Enzian erhalten wir dort die Vorkommen von Arten mit bundesweiter Bedeutung. Von den genannten gibt es teils kaum noch fünf Vorkommen. Es ist erschreckend: Ohne Ehrenamt hätten einige der letzten Vorkommen dieser und anderer Arten keine Chance mehr.

Auch geht immer mehr Wissen verloren, was auch mit der Qualität und der Ausrichtung unseres Bildungssystems seit 1990 zu tun hat. Immer mehr Arten- und Gebietskenner, die meisten vor 1989 ausgebildet, sterben weg. An wissenschaftlichem Nachwuchs, aber auch an interessiertem und kompetentem Lehrpersonal, fehlt es nach Auskunft von Wissenschaftlern zunehmend.

Wie wichtig aber Fachleute sind, zeigt sich auch darin, dass wir ehrenamtliche Artenschützer auch mit Botanischen Gärten und externen Fachleuten zusammen arbeiten müssen, um den Schutz und die Erhaltung hochgradig bedrohter Arten zu optimieren. Hierzu gehören auch gärtnerische Erhaltungskulturen.

All das ist natürlich ohne eine gute Zusammenarbeit auch mit den Behörden nicht zu erreichen. Diese ist in einigen Landkreisen sehr gut, im Landkreis Nordhausen aber ist sie seit langem verbesserungswürdig.

Noch einmal zum Gießen: Bei unserer Arbeit merken wir bei einigen Arten zunehmend, dass die Wetterextreme für eine erfolgreiche Erhaltungsarbeit allmählich zu heftig werden könnten. Wenn die Temperaturen immer mehr ansteigen, dann hilft auch Gießen mitunter nicht mehr. Für unseren Gipskarst wertgebende Nischenarten, wie die Alpen-Gänsekresse (Arabis alpina), können perspektivisch wahrscheinlich nur noch unter ganz besonderen Kulturbedingungen, also sozusagen künstlich, erhalten werden, woran wir arbeiten.

Natürlich möchte ich aus Anlass der 900. Artenschutzmaßnahme auch all den Mitstreiterinnen und Mitstreitern danken, die in all den Jahren aktiv, bei Wind und Wetter und unter starkem körperlichen Einsatz, ihre Zeit und Kraft dem aktiven Artenschutz gewidmet haben.

Vom Land Thüringen, ja von den Entscheidungsträgern in ganz Deutschland, kann man nur erwarten, dass sie künftig mehr Geld für die Erhaltung der Biodiversität übrig haben. Und wenn es nur ein Bruchteil der unglaublichen Rüstungsausgaben oder der Ausgaben für Hexenbesen & Co. wäre. - Und dass sie für mehr Kontinuität im Artenschutz sorgen, zum Beispiel wie wir Ehrenamtler sie erfolgreich leisten.

Das Geld für zeitlich begrenzte, also diskontinuierliche, oft mit Millionen Euro dotierte, Projekte, ist nicht selten uneffektiv. Denn oft fehlt eine geeignete Bewirtschaftung nach dem Projektende.

Wer uns bei unserer Arbeit unterstützen möchte, ist stets herzlich willkommen (bodo_schwarzberg@yahoo.de).
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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