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Davor haben die Deutschen Angst

Terrorismus, Extremismus, Zuzug von Ausländern

Donnerstag, 07. September 2017, 16:39 Uhr
Islamistische Anschläge in Berlin, London und Barcelona, immer mehr rechte und linke Extremisten und der nicht enden wollende Strom verzweifelter Flüchtlinge nach Europa: Die aktuellen Probleme lösen bei den Deutschen große Ängste aus – so das Ergebnis der repräsentativen Umfrage „Die Ängste der Deutschen 2017“ des Infocenters der R+V Versicherung...

Grafik (Foto: R+V Versicherung)

„Die Angst vor Terroranschlägen liegt mit deutlichem Abstand auf Platz eins und erreicht mit über 70 Prozent einen der höchsten Werte, der jemals in der Langzeitstudie gemessen wurde“, so Brigitte Römstedt, Leiterin des R+V-Infocenters, bei der heutigen Pressekonferenz in Berlin.

Zum 26. Mal hat das R+V-Infocenter rund 2.400 Menschen nach ihren größten Sorgen rund um Politik, Wirtschaft, Umwelt, Familie und Gesundheit befragt. Wie im vergangenen Jahr belegen die Ängste vor Terror (71 Prozent) und politischem Extremismus (62 Prozent) die Spitzenplätze. 61 Prozent der Bundesbürger befürchten, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen den Deutschen und den bereits hier lebenden Ausländern kommen könnte – Platz drei der aktuellen Studie.

Trotz leichtem Rückgang: Deutsche haben große Angst
Die meisten Ängste sind gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Dadurch ist auch der Angstindex – der Durchschnitt der abgefragten Sorgen – im Vergleich zu 2016 gesunken (um 6 Prozentpunkte auf 46 Prozent). Daraus zu schließen, dass die Deutschen 2017 sorglos sind, wäre jedoch falsch. „Wer dieses Ergebnis kurzfristig betrachtet, bekommt ein verzerrtes, ja sogar ein irreführendes Bild“, so Professor Dr. Manfred G. Schmidt, Politologe an der Universität Heidelberg und Berater des R+V-Infocenters. „Im Licht des mittel- und langfristigen Wandels betrachtet sind die Top-Ängste 2017 sehr hoch und liegen weit über dem üblichen Niveau.“

Das untermauert auch ein Blick in den Langzeitvergleich. 2017 überspringt fast die Hälfte der abgefragten 20 Sorgen die 50-Prozent-Marke – deutlich mehr als in den meisten Studien zuvor. Vier Ängste erreichen sogar den zweithöchsten Wert seit Beginn der Umfrage: Weit überdurchschnittlich viele Bürger fürchten sich in diesem Jahr vor Terror, Extremismus, Spannungen durch den weiteren Zuzug von Ausländern und vor Schadstoffen in Nahrungsmitteln. Unvermindert hoch ist mit 57 Prozent auch die seit drei Jahren abgefragte Angst vor der Überforderung von Bürgern und Behörden durch die große Zahl der Flüchtlinge.

Zwei Ängste sind in diesem Jahr größer als 2016 – beide betreffen die Umwelt. Noch bevor der jüngste Lebensmittelskandal mit den Fipronil-belasteten Eiern öffentlich wurde, befürchteten 58 Prozent der Deutschen, dass Nahrungsmittel immer stärker mit Schadstoffen belastet sein könnten (Platz fünf, plus 1 Prozentpunkt).

Von 52 auf 56 Prozent gestiegen ist die Angst vor Naturkatastrophen (Platz sieben). Dieses Ergebnis resultiert im Wesentlichen aus einem sprunghaften Anstieg von 13 Prozentpunkten im Osten (Ost: 54 Prozent; West: 56 Prozent). „Damit ist diese Sorge in Ost und West mittlerweile fast gleich hoch – im Unterschied zu früher: In der Vergangenheit beschäftigten ‚grüne‘ Themen die Westdeutschen meist deutlich mehr. Dazu gehört auch die Angst vor vermehrten Wetterextremen wie Stürme, Starkregen, Hagel und Überschwemmungen“, erklärt Römstedt.

Erhebliche Sorgen bereitet den Deutschen weiterhin die Schuldenkrise in etlichen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Die Befürchtung, dass die deutschen Steuerzahler für überschuldete Länder zur Kasse gebeten werden, bleibt mit 58 Prozent hoch (Platz vier im Ranking) – auch wenn sie gegenüber dem Vorjahr um 7 Prozentpunkte gesunken ist. „Eine realistische Sicht“, kommentiert Professor Schmidt. „Aufgrund seiner Wirtschaftskraft und Bonität kommen bei der Euro-Rettungspolitik hohe Zahlungsverpflichtungen auf Deutschland zu, die Bundesrepublik haftet überproportional.“

„Die Angst vor einem Kontrollverlust des Staates ist weiterhin groß und manifestiert sich auch in der Beurteilung der Politiker“, so Professor Schmidt. Wie im vergangenen Jahr zweifelt die Mehrheit der Deutschen daran, dass die Volksvertreter ihren Aufgaben gewachsen sind – allerdings mit einem Rückgang von 10 Prozentpunkten. Mit 55 Prozent rangiert die Furcht vor Überforderung der Politiker in diesem Jahr auf Platz acht. Bemerkenswert: Zum zweiten Mal in Folge sinkt diese Angst vor einer Bundestagswahl. Das war in früheren Wahlkampfzeiten anders.

Leicht verbessert haben sich 2017 auch die Schulnoten, mit denen die Befragten die Arbeit der Politiker bewerten konnten – von durchschnittlich 4,2 auf 3,9. „Dennoch ist das Urteil für die politische Klasse wenig schmeichelhaft“, konstatiert der Politologe. „Und: Nur knapp 9 Prozent der Deutschen stellen den Politikern ein positives Zeugnis aus und bewerten ihre Arbeit mit ‚sehr gut‘ oder ‚gut‘. Fast jeder dritte Befragte (30 Prozent) straft sie hingegen mit ‚mangelhaft‘ oder ‚ungenügend‘ ab.“

Geringer als je zuvor im Verlauf der Langzeitstudie sind die Ängste vor Arbeitslosigkeit und einer Verschlechterung der Wirtschaftslage. Mit 17 Prozentpunkten am stärksten gesunken ist die Befürchtung, dass die Arbeitslosenzahlen in Deutschland ansteigen könnten. Sie liegt mit 26 Prozent auf dem vorletzten Platz. Fast ebenso gering ist die Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs (minus 11 Prozentpunkte auf 27 Prozent). Die Furcht vor einem Abwärtstrend der Wirtschaft ist um 15 Prozentpunkte auf 37 Prozent abgesackt – und damit ebenfalls auf Rekordtief. Professor Schmidt deutet den Rückgang der wirtschaftlichen Sorgen als „Stimmungsaufheller, der mit der wirtschaftspolitischen Großwetterlage zusammenhängt. Die deutsche Wirtschaft boomt und sorgt dafür, dass die Arbeitslosenquote auf den niedrigsten Wert seit über 25 Jahren sinkt.“

Weitere Ergebnisse der R+V-Studie

Trotz der anhaltend kritischen Berichterstattung über die Politik von US-Präsident Donald Trump reagieren die Deutschen ziemlich gelassen: Nur rund ein Drittel (34 Prozent) befürchtet, dass Deutschland mit den USA einen wichtigen Bündnispartner verlieren könnte. Das zeigt eine Sonderbefragung zur diesjährigen Ängste-Studie.
52 Prozent der Bundesbürger haben große Angst davor, im Alter pflegebedürftig zu werden. Da aktuelle Themen diese Sorge überschatten, liegt sie allerdings nur auf Platz neun im Ranking.

Obwohl die Verbraucherpreise leicht anziehen, belegt die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten – viele Jahre lang unangefochten auf Platz eins – jetzt mit 50 Prozent nur noch auf Rang zehn im bundesweiten Ranking.

Schlusslicht ist wie immer die Furcht vor dem Zerbrechen der Partnerschaft. Sie rangiert mit 17 Prozent deutlich hinter allen anderen Ängsten.
Die Intensität der Ängste in Ost und West ist inzwischen nahezu identisch. 2017 gibt es nur einen gravierenden Unterschied: 59 Prozent der Ostdeutschen befürchten, dass die Lebenshaltungskosten steigen, im Westen sind es 48 Prozent.

Traditionell machen sich Frauen mehr Sorgen als Männer – so auch 2017. So lösen beispielsweise Bedrohungen durch Terroristen bei Frauen größere Ängste aus (Frauen: 75 Prozent, Männer: 66 Prozent). Auch vor Krankheit (Frauen: 53 Prozent, Männer: 41 Prozent) und Pflegebedürftigkeit (Frauen: 57 Prozent, Männer: 48 Prozent) fürchten sich die Frauen deutlich mehr.
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