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Di, 10:14 Uhr
16.01.2018
Einkommensverteilung in Deutschland:

Die Schere öffnet sich weiter

Der Anteil der Spitzeneinkommen am Volkseinkommen ist in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre stark gewachsen. Dagegen hat sich der Anteil, den die Hälfte mit den geringsten Bruttoeinkommen erwirtschaftet, seitdem deutlich reduziert...

Grafik (Foto: DIW)
Das sind wesentliche Ergebnisse einer Untersuchung, die die DIW-Ökonomin Charlotte Bartels im Rahmen des World Inequality Reports für Deutschland auf Basis von Einkommensteuerdaten erstellt hat.

Einkommensteuerdaten können seit der Einführung der Einkommensteuer zum Ende des 19. Jahrhunderts ausgewertet werden und zeigen auf, wie sich die Höhe und Verteilung der Brutto-Einkommen aus Lohn, Unternehmens- und Vermögenseinkommen über die Zeit entwickelt haben.

So zeigt sich, dass zwar der Anteil der Spitzeneinkommen seit 1913 von 18 auf 13 Prozent gesunken ist, in den vergangenen 30 Jahren aber um 30 Prozent zugelegt hat. Die erhobenen Daten lassen allerdings keine Aussagen zu, wie staatliche Transferleistungen und das progressive Steuersystem die Einkommensunterschiede nivellieren. „Die Ungleichheit wird vom heutigen Steuer- und Transfersystem deutlich stärker reduziert als vor hundert Jahren“, sagt Studienautorin Bartels. „Allerdings“, gibt sie zu bedenken, „haben die Steuerreformen der letzten 20 Jahre die Umverteilungswirkung des Steuersystems gedämpft.“ Diverse Studien zeigen, dass Haushalte mit hohen Einkommen und Vermögen besonders stark entlastet wurden.

Der weltweite Ungleichheitsbericht wurde Mitte Dezember in Paris vorgestellt. Nun erscheint ein ausführlicherer Bericht für Deutschland, der neben der historischen Betrachtung der Spitzeneinkommen vor allem der Entwicklung seit der Wiedervereinigung nachgeht.

„Anfang der 1990er Jahre hatte sich die Schere zwischen der Hälfte der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen und den oberen Einkommensschichten erst einmal etwas geschlossen“, berichtet DIW-Ökonomin Bartels. Das lag unter anderem daran, dass viele Beschäftigte in Ostdeutschland von höheren Löhnen profitierten, gleichwohl aber wenige Ostdeutsche das oberste Einkommensperzentil erreichten.

Doch wenig später wendete sich das Blatt, als die Produktion in den neuen Bundesländern zurück ging und die Arbeitslosigkeit in Gesamtdeutschland deutlich stieg. Der Einkommensanteil der unteren 50-Prozent sank von 26 Prozent im Jahr 1995 auf knapp 17 Prozent im Jahr 2013. Gleichzeitig erhöhte sich der Einkommensanteil der obersten Zehn-Prozent von 32 auf 40 Prozent.

Anteil des Top-Ein-Prozents gestiegen

Bei der Betrachtung des obersten Ein-Prozents, dem vor allem Unternehmerinnen und Unternehmer angehören, zeigt sich diese Entwicklung noch deutlicher: Der von ihnen erwirtschaftete Anteil am Volkseinkommen stieg im gleichen Zeitraum von acht auf 13 Prozent. Die DIW-Ökonomin hält diesen Wert allerdings für unterschätzt.

„Würde man die einbehaltenen Gewinne der Unternehmen dazurechnen, das heißt die Gewinne, die die Unternehmen seit Anfang der 2000er Jahre zunehmend im Unternehmen behalten statt sie auszuschütten, wäre der Einkommensanteil des obersten Ein-Prozents höher.“ Im internationalen Vergleich liegt Deutschland derzeit gleichauf mit Großbritannien, aber noch weit unterhalb der USA, wo das oberste Ein-Prozent rund ein Fünftel des Volkseinkommens erwirtschaftet.

Parallel zu dem Anstieg des obersten Ein-Prozents ist auch die gesamtwirtschaftliche Bedeutung von Unternehmens- und Vermögenseinkommen gegenüber Lohneinkommen gewachsen. Wenn die Unternehmens- und Vermögenseinkommen schneller wachsen als die Lohneinkommen, profitieren vor allem die bereits Vermögenden. Die Entwicklung Deutschlands zum Exportweltmeister läuft ebenfalls parallel zur Entwicklung des Einkommensanteils des obersten Perzentils seit den 1990er Jahren. Dies legt nahe, dass die SpitzenverdienerInnen in Deutschland, die ihre Einkommen zum großen Teil aus Unternehmensbesitz beziehen, deutlich mehr vom wachsenden Außenhandel profitiert haben als die Angestellten.

„Wenn man politische Maßnahmen gegen eine zunehmende Spreizung der Markteinkommen in Deutschland ergreifen möchte, müsste man die Teilhabe unterer Einkommensgruppen an der Unternehmensrendite verbessern“, schlägt Charlotte Bartels vor.
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Kommentare

16.01.2018, 11.04 Uhr
N. Baxter | und es geht weiter
bergab...
16.01.2018, 13.19 Uhr
LithiumTim | Ostdeutsche Industrieleuchttürme damals mit niedrigen Löhnen gelockt
Ja da fehlt mir etwas in der Betrachtung, wenn man gerade auch auf den Osten abstellen will. Nach der Abwicklung durch die Treuhandanstalt im Osten hat man einige Industrieleuchttürme gefödert, u.a. bei Leipzig. Es geht mir nicht um den Fingerzeig darauf, denn es waren leider viel zu wenige im Osten. Bis heute ist das so. Aber man muss eben auch feststellen, dass damals Kompromisse und Zusagen auf Basis geringerer Löhne gemacht worden sind, sozusagen als Standorvorteil Ost. Dazu kam ein hoher Anteil Leiharbeit, der auch zumindest für die Betroffenenen bedeutete, dass weniger Geld rumkam. Gefeiert hat sich damit oft eine Politik die nicht erkannt hat, dass dies gar nicht ein Erfolg ist, sondern dass die Arbeitnehmer das bezahlt haben. Die Steuerzahler sowieso, denn gute Beträge an Subventionen gab es obendrauf. Letzteres sollte für strukturschwache Regionen fortgeschrieben werden, die Gehälter sollten aber passen!
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