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So, 09:22 Uhr
03.12.2017
Familien sammelten in Milchkannen

Von den Blaubeer-Hügeln im Harz

Bald werden sie auf die Goldwaage gelegt, die köstlichen Blaubeeren, in Herbst und Winter. Für immer weniger muss man neuerdings immer mehr zahlen. Als sie noch aus Frankreich oder Italien kamen, boten Supermärkte ein halbes Pfund unter drei Euro an...

Blaubeeren (Foto: hans/pixabay.com)
Dann schrumpften auch bei Discountern die abgepackten Mengen, nur noch 200 oder 150 Gramm bei proportional steigenden Preisen. Inzwischen werden Heidelbeeren von Plantagen aus Chile und Peru eingeflogen, und die Plastik-Schälchen sind nur noch mit 100 Gramm gefüllt. Aber die Zutat zum Frühstücks-Müsli ist nicht mehr buchstäblich „fürín Appel und ´en Ei“ erhältlich.

Als wir früher als Kinder mit den Eltern „in die Heidelbeeren“ im Harz gingen, fuhren wir von Nordhausen mit dem „Quirl“ nach Netzkater oder Beneckenstein. Jede Familie kannte ein besonders ertragreiches Revier, das mit leichter Milchkanne durchstreift wurde. Die kleinen Früchtchen sammelten wir für den eigenen Verbrauch, als Beilage zu Hefeklößen oder für Mehrfrucht-Marmelade mit Früchten aus dem Garten. Vor allem in den Mangeljahren während des Krieges und noch lange danach waren sie eine willkommene Ernte, eine der gesündesten Obstsorten.

Nach unserem Ortswechsel in den Westen starteten die Blaubeer-Touren von Bad Lauterberg in den Oberharz. Damals rollte noch der Dampfzug nach Silberhütte und von dort die Zahnradbahn hinauf nach St. Andreasberg. Die ergiebigsten Büsche fanden wir am Rehberger Graben und rund um den Oderteich. Andere bevorzugten das Gebiet zwischen Braunlage und dem Wurmberg. Dorthin gelangte man im Bus oder schon im eigenen Gefährt bei der einsetzenden Motorisierung in der alten Bundesrepublik.

Als es nicht mehr auf die Bereicherung des Speisezettels ankam, brachten Jugendliche ihre mühsam gepflückten Erträge zu einer Safterei. Für den spärlichen Erlös von einigen Mark-Stücken konnten neue Tennisbälle oder etliche Eis am Stiel gekauft werden. Mit wachsendem Wohlstand gab es weniger Blaubeer-Exkursionen. Das „Kämmen“ der Büsche bis Wadenhöhe war längst verpönt. Und als vor einer Infektion durch Bandwürmer der Füchse gewarnt wurde, trauten sich kaum noch Wanderer, die Beeren am Wegesrand in den Mund zu stecken.

Alle diese Erinnerungen wurden wieder wach, als kürzlich der amerikanische RockíníRoll-Sänger Fats Domino in New Orleans starb. Mit dem “Blueberry HillĒ wurde der ebenso berühmt wie Louis Armstrong. Fats Domino war der „Teddybär unter all den rauen Gesellen und Schreihälsen, die dem Entertainment eines Frank Sinatra oder eines Bing Crosby in den frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Schmalz vom Brot genommen haben“, wie der Kritiker einer renommierten Zeitung (FAZ) befand.
Manfred Neuber
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